The Walking Dead

Clementine will remember thisSpiele gibt es wie Sand am Meer, die Menge digitaler Unterhaltung die jährlich produziert und konsumiert wird, ist seit den kleinen Anfängen in den 80gern (zugegeben mit einigen Einbrüchen) geradezu explosionsartig in die Höhe geschossen. So weit, dass die Branche mit jährlich um die 14 Millarden Dollar in den Staaten allein, die Filmindustrie (ca.10mrd) schon lange überholt hat.

Dies hat natürlich den Vorteil, dass wir Spieler mehr hochwertige und aufwändig produzierte Spiele bekommen als noch zu Zeiten von DOOM und Super Mario Land. Andererseits tun sich hiermit auch einige Problem auf, mit denen auch das Medium Film zu kämpfen hatte (und immer noch hat).

Um das Gefasel ein wenig abzukürzen: Je mehr Geld zur Verfügung steht desto weiter rückt man vom anfänglichen künstlerischen Anspruch ab und wendet sich dem zu, was in erster Linie dem schnöden Mammon, anstatt der hohen Kunst dient.

Dank der Hochkonjunktur die Indiespiele seit Minecraft haben gibt es jetzt wieder Spiele die etwas neues probieren.

Das jüngste und bekannteste Beispiel für schöne Spiele ist TellTales „The Walking Dead“.

Falls euch der Name bekannt vorkommt liegt das wahrscheinlich an der sehr erfolgreichen Serie basierend auf dem Zombie Comic von Robert Kirkman die momentan auf AMC läuft. Das Spiel teilt sich die Grundlage mit der Serie, aber da hören die Gemeinsamkeiten auch schon wieder auf.

Während die TV Serie mehr Wert auf die Inszenierung und Eye-Candy legt, fühlt sich das Spiel eher wie eine Charakterstudie an als, nun ja, ein Spiel.

Aber kommen wir erst einmal zum Wesentlichem – der Mechanik.

Wie immer bei TellTale ist The Walking Dead natürlich ein Adventure, der größte Teil des Spiels besteht folglich daraus auf mal mehr mal weniger schwierige Problem, oder Puzzles (wenn man es so ausdrücken will) zu stoßen die gelöst werden wollen. Dem Zeitgeist entsprechend darf man hier jetzt nicht großartige Logikrätsel á la Sherlock Holmes erwarten, die Rätsel halten sich eher im praktischen Bereich. In den meisten Fällen lassen diese sich lösen indem man ein bis vier Gegenstände aufsammelt und diese eventuell noch kombiniert. Das mag jetzt sehr simpel klingen, wahrscheinlich in erster Linie weil es so ist, das ist aber nicht zwingend etwas schlechtes sein, ganz im Gegenteil die Rätsel wirken aufgrund des, eher simplen Aufbaus, passend in Beziehung zum Zombie-Apokalypse Szenario – einen von einer Brücke hängenden Tanklaster der den Weg versperrt einfach per Schneidbrenner loszuschneiden anstatt eine Reihe von Gemälden der Angehörigen des marokkanischen Königshauses in chronologischer Herrschaftsfolge korrekt anzuordnen.

Obwohl das für Ex-Geschichtsprofessor Lee – welchen ihr spielen dürft – wohl auch kein Problem sein dürfte. Natürlich ist es mit dem Geschichtsunterricht nicht weit her, wenn man sich für eine anscheinend sehr schweres Verbrechen auf der Rückbank eines Polizeiwagens auf dem Weg zum Knast mit Aussicht auf eine lange, lange Haftstrafe. Wenn der fahrende Cop dann auch noch nicht auf die Straße achtet und einen streunenden Zombie überfährt, ist der Tag dann endgültig im Arsch.

Als man dann aufwacht merkt man dann dass das Spiel doch nicht so ganz als Adventure durchgeht. Wenn es nämlich brenzlig wird setzt euch das Spiel unter Zeitdruck – was erschreckend realistisch erscheint in einer Welt voller hirnloser, verottender Kannibalen, die nichts lieber täten als euch wie eine überreife Melone aufzureißen und das herausfallende rote Gematsche zu fressen.

Da sich niemand gerne fressen lässt und Weglaufen nicht immer die beste Option ist, muss man hin und wieder auch kämpfen.

Bei alten Adventure-Liebhabern werden sich jetzt schon die Nackenhaare aufstellen – zu Recht wohlgemerkt – allerdings bindet The Walking Dead die Action und die daraus resultierende Panik in die Atmosphäre ein.

Wer jetzt denkt die paar lahmarschigen Zombies mit einer Reihe schneller Headshots umlegen zu können, liegt auch falsch, denn laute Geräusche locken noch mehr Zombies an und jemanden mit einem Schraubenzieher ins Hirn zu stechen ist ziemlich schwierig, wenn man nicht gerade frisch aus dem Knast entlassen wurde. Entsprechend brutal und unsauber sind die Kämpfe was sich im Gegensatz zum sonstigen OMG-IMA-KILLING-ZOMBEHS-WIT-MA-CHAINSAWZ!-Gedöhns erfrischend ernst anfühlt.

Auf der Flucht vor der Heerschar Untoter, die der Autounfall auf den Plan gerufen hat, stolpert Lee in einen verlassen aussehenden Garten. Wie es aber nun mal in Zombie Apokalypsen so ist, sind verlassen aussehende Orte nie verlassen. Mittellange Sache kurz: Nach einer kurzen Hammer-Time mit ihrem Babysitter trifft Lee auf Clementine und damit auf den Punkt der das Spiel zum außergewöhnlichsten Adventure – wenn nicht sogar Spiel – der letzten Jahren macht.

Im Gegensatz zum Rest der Kinder denen man in Spielen so über den Weg läuft bzw. sie kontrolliert (siehe Post zu Siren), verhält sich der kleine 8jährige Lockenkopf nicht wie ein geistesgestörter Lemming mit Lernstörung, sondern wie ein echtes Kind, mit allen Ängsten und Hoffnungen die dazu gehören. Ich will jetzt nicht zu viel verraten da die Story um die Charaktere die Hauptmotivation ist das Spiel zu spielen, was ich euch nur wärmsten empfehlen kann.

Der einzige Wermutstropfen an dem ansonsten mehr als fairen Deal, sind die gelegentlich auftretenden Nachlade-Freezes, die hin und wieder mal dem Erzähltempo in einer Bärenfalle treten lassen (Episode 2 lässt grüßen).

Ansonsten gleicht The Walking Dead aber drastisch dem perfekten Adventure wie es im Buche steht, und dabei auch noch so verfickt sympathisch ist, von der Grafik mit ihren dicken schwarzen Umrissen, über die Soundkulisse – die fast schon zu viszeral geraten ist, zum erstaunlich hohen Anspruch zum (fast schon) Realismus.

Das trifft auch auf die Interaktion zwischen den Mitgliedern eurer Gruppe zu, die sich nach un nach aufbaut und unweigerlicherweise auch wieder ab. Im Gegensatz zu – sagen wir mal Call of Duty – interessiert ihr euch auch für das Wohlergehen eurer Leute, obwohl ihr ihnen manchmal auch das Gegenteil wünscht, fast wie bei echten Leuten.

Dieses Spiel ist wegweisend. Wegweisend für das Genre, wegweisend für Storytelling in Spielen allgemein.

Deswegen: Schnauze halten, Spiel kaufen, zurück lehnen, genießen!

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